Schöne Texte

Erahnte Heilung

Du siehst mich an, ich schäme mich
und möchte mich verstecken.
Doch kann mich so die Liebe nicht
vom Tode auferwecken.

Drum zeig ich zögernd mein Gesicht
entgegen allem Fliehen.
Ach, kann denn Deine Liebe nicht
mich stärker noch anziehen?

So dass ich nicht mehr fliehen kann
und es auch gar nicht will.
Denn unter Deiner Liebe Bann
halt ich auf einmal still.

Mit einem Kleid von zarten Küssen
deckst Du die vielen Blößen zu.
Ich will, Du sollst sie alle wissen,
je tiefer finde ich zur Ruh.

Martina, 1982


Es wandert eine schöne Sage
Wie Veilchenduft auf Erden um,
Wie sehnend eine Liebesklage
Geht sie bei Tag und Nacht herum.

Das ist das Lied vom Völkerfrieden
Und von der Menschheit letztem Glück,
Von goldner Zeit, die einst hienieden,
Der Traum als Wahrheit kehrt zurück,

Wer jene Hoffnung gab verloren
Und böslich sie verloren gab,
Der wäre besser ungeboren:
Denn lebend wohnt er schon im Grab.

Gottfried Keller


Halt dein Rößlein nur im Zügel
kommst ja doch nicht allzuweit.
Hinter jedem neuen Hügel
dehnt sich die Unendlichkeit.
Nenne niemand dumm und säumig,
der das Nächste recht bedenkt.
Ach, die Welt ist so geräumig
und der Kopf ist so beschränkt.

Wilhelm Busch


Der Römische Brunnen

Aufsteigt der Strahl, und fallend gießt
er voll der Marmorschale Rund,
die sich verschleiernd, überfließt
in einer zweiten Schale Grund;

die zweite gibt, sie wird zu reich,
der dritten wallend ihre Flut,
und jede nimmt und gibt zugleich
und strömt und ruht.

Conrad Ferdinand Meyer


Auch das ist Kunst

Auch das ist Kunst und Gottes Gabe
aus ein paar sonnenhellen Tagen
sich so viel Licht ins Herz zu tragen,
daß, wenn der Sommer längst verweht,
das Leuchten immer noch besteht.

J.W. Goethe


Der goldene Ball

Was auch an Liebe mir vom Vater ward,
ich hab`s ihm nicht vergolten, denn ich habe
als Kind noch nicht gekannt den Wert der Gabe
und ward als Mann dem Manne gleich und hart.

Nun wächst ein Sohn mir auf, so heiß geliebt
wie keiner, dran ein Vaterherz gehangen
und ich vergelte, was ich einst empfangen
an dem, der mir`s nicht gab noch wiedergibt.

Denn wenn er Mann ist und wie Männer denkt,
wird er, wie ich, die eignen Wege gehen,
sehnsüchtig werde ich, doch neidlos sehen,
wenn er, was mir gebührt, dem Enkel schenkt.

Weithin im Saal der Zeiten sieht mein Blick
dem Spiel des Lebens zu, gefaßt und heiter,
den goldnen Ball wirft jeder lächelnd weiter
und keiner gab den goldnen Ball zurück.

Börries von Münchhausen


Der kleine König

Ich bin der kleine König
ungekrönt wohne ich in meinem Reich
ich herrsche über einen Untertan
und befreie ihn aus alter Fron:
zu schauen wie ein Wimpernschlag Tyrannen stürzt
zu schauen wie ein Morgen erwacht der dünne Schleier zerreißt
Ich bin der kleine König
ungeschminkt übernehme ich das Zepter
zu herrschen in meinem Reich
ich lese die Zeichen und führe das Schwert:
zu trennen Gut und Böse zu enden das Machtwerk
zu schauen wie ein Moment den nächsten verspricht
und die Zeit verdichtet in ihrem Klang

Jürgen Funke


Das Paradies

Sein Glück für einen Apfel geben,
O Adam, welche Lüsternheit!
Statt deiner hätt`ich sollen leben,
So wär das Paradies noch heut. -

Wie aber, wenn allsdann die Traube
Die Probefrucht gewesen wär`?
Wie da, mein Freund? – Ei nun, ich glaube -
Das Paradies wär`auch nicht mehr.

Gotthold Ephraim Lessing

LehnPlatz

Manchmal bin ich wie ein alter Baum,
rissig, krumm und voller Narben.

Keine Zierde für den Vorzeigegarten,
knorrig, verwildert und in der Krone voller Dornen.

Ich bin im Sturm gewesen,
standfest und aus hartem Holz.

Wer sich bei mir anlehnt, hat
einen guten Platz zum Ruhen und zum Leben.

Nur zum Schmücken,
in einem schmucken Garten eigne ich mich nicht.

Egon Stolze


TagesLauf

Die dunkle Nässe liegt noch über
den Häusern, den Sträuchern
und den Bäumen der Stadt.

Die Tropfen des nächtlichen Regens
glitzern,
spiegeln sich im jungen Licht.

Es wird hell,
der Tag ist
geboren.

Wird alt und stirbt,
um die Geburt
der Nacht einzuleiten.

Egon Stolze


Achte gut auf diesen Tag, denn er ist das Leben – das Leben allen Lebens.
In seinem kurzen Ablauf liegt alle Wirklichkeit und Wahrheit des Daseins,
die Wonne des Wachsens, die Größe der Tat, die Herrlichkeit der Kraft -
denn das Gestern ist nichts als ein Traum und das Morgen nur eine Vision.
Das Heute jedoch – recht gelebt – macht jedes Gestern zu einem Traum voller Glück
und jedes Morgen zu einer Vision voller Hoffnung.
Drum achte gut auf diesen Tag.

Sanskrit


Erfolg heisst: Oft und viel lachen; die Achtung intelligenter Menschen und die Zuneigung von Kindern gewinnen; die Anerkennung aufrichtiger Kritiker verdienen und den Verrat falscher Freunde ertragen; Schönheit bewundern; in anderen das Beste finden und die Welt ein wenig besser verlassen, ob durch ein Kind, ein Stückchen Garten oder einen kleinen Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft; wissen, dass wenigstens das Leben eines anderen Menschen leichter war, weil du gelebt hast. Das bedeutet: nicht umsonst gelebt zu haben.

R.W. Emerson



An dich, du wunderbare Welt,
Du Schönheit ohne End`,
Auch ich schreib meinen Liebesbrief
Auf dieses Pergament.

Froh bin ich, dass ich aufgeblüht
In deinem runden Kranz;
Zum Dank trüb`ich die Quelle nicht
Und lobe deinen Glanz.

Gottfried Keller


Nachruf für Dr. Walther H. Lechler

Am 4. Advents-Sonntag, den 22. Dezember 2013 ist Dr. Walther Lechler im gesegneten Alter von 90 Jahren gestorben.

Walther war ein Arzt im besten Sinn des Wortes, der nicht nur vielen Menschen ein Lehrer, Helfer und Begleiter war, sondern auch sich selbst mit großer Offenheit und Berührbarkeit immer wieder auf Neues eingelassen hat. Ehrlichkeit, Offenheit und Bereitschaft zu neuen Erfahrungen waren für Walther wesentlich, um die eigene Geschichte wieder finden zu können.

Von 1971 bis 1988, in seiner Zeit als Chefarzt der Sozio-Psychosomatischen Klinik im Ortsteil Kullenmühle in Bad Herrenalb begründete Walther das Bad Herrenalber Modell. Hier verwirklichte er seine Lebensschule, wo das Sich-Einlassen auf Begegnung im Mittelpunkt stand. Er verwendete das Wortspiel „im Leben lebend, leben lernen“ um diese Lebensschule zu beschreiben und prägte Begriffe wie „Hilfe zur Selbsthilfe“, „Sprache des Herzens“, „Un-Sinn“, „sobria ebrietas – nüchterne Trunkenheit“, „ansteckende Gesundheit“, etc.

Während seines Aufenthaltes in Amerika hatten ihn seine persönlichen spirituellen Erfahrungen bei den Anonymen Alkoholikern tief geprägt. Dort lernte er auch die Humanistische Psychologie kennen. „Über diese Erfahrungen entstand in mir mehr und mehr der Gedanke und die Einstellung, dass alles Kranke im Grunde Ausfluss einer ungenügenden, unzureichenden Haltung dem Leben gegenüber ist. So wuchs in mir mehr und mehr der Gedanke, dass es weniger um Behandeln geht, sondern eine Ausbildung für das Leben erfolgen muss.“ (Dr. Walther Lechler) Aus diesen persönlichen Erfahrungen heraus wurde die Lehr- und Lern- Gemeinschaft und das 12- Schritte- Programm zu einem wesentlichen Bestandteil der Lebensschule.

1969 hatte er im Zusammenhang mit der Einrichtung Daytop den amerikanischen Arzt und Psychoanalytiker Dr. Daniel Casriel kennengelernt. Casriel hatte mit seinem New Identity Process (später umbenannt in Bonding-Psychotherapie) eine Methode entdeckt, die es ermöglichte, das Unaussprechliche in uns zum Ausdruck zu bringen. Walters Erfahrungen bei Dan sollten ein zusätzlicher Baustein dieser Lebensschule werden. Den Begriff Bonding, der ursprünglich aus der Säuglingsforschung übernommen wurde, verstand er dabei in einem weiten und umfassenden Sinn. „Das Wort Bonding bedeutet auch Liebe, Leben, Nähe, Vertrauen, Hingabe, Fähigkeit und wenn wir durch alle menschlichen Beziehungen hindurchgegangen sind, dann bedeutet es auch Glaube und unseren unmittelbaren Bezug zu Gott. Und in diesem Bonding ist auch ausgedrückt, dass wir biologisch, körperlich, anatomisch, so wie wir miteinander jetzt leben, angelegt sind auf die Erfüllung unserer Bedürfnisse, der ursprünglichsten Bedürfnisse, nämlich satt zu werden und zwar nicht nur wie wir es im körperlichen erleben, sondern innerlich satt.“ (Dr. Walther Lechler)

Walther erkannte früh die heilende Kraft der Gemeinschaft. Einer seiner Lieblingssprüche war „Der Mensch ist des Menschen Medizin“. In seiner Lehr- und Lern- Gemeinschaft war die Begegnung daher von zentraler Bedeutung.
„Eine Lebensschule ist für mich ein Ort, an dem Menschen, die Lebenshilfe brauchen, mehr finden können als „Anwendungen“ oder „Behandlungen“, wie Therapien von den Krankenkassen genannt werden. Ein Ort, wo Hilfesuchende mit dem eigentlichen Leben in Kontakt kommen und ihr wahres Selbst finden können. Wo der Therapeut ein Begleiter, Zeuge und Mut-Macher ist und der Patient ein Lernender. Ein Schüler, der bis dahin nicht die Möglichkeit gehabt hat zu lernen, was er zu einem erfüllten Leben gebraucht hätte. Ein Neugieriger auch, der Neues erfahren will. So wie wir alle unser Leben lang Lernende bleiben, wenn wir nicht bereits innerlich gestorben sind. Wo Menschen sich gegenseitig ermutigen in einem Lernprozess, in dem der Mitmensch und Freund heilsam ist, der mit uns in einer existentiellen Not ein Stück Weg geht. Damit wir selber die Antworten finden können, die wir brauchen, um uns verantwortlich als Erwachsene dem Leben mit seiner enormen Vielseitigkeit mit unserer ganzen Potenz zu stellen.“ (Dr. Walther Lechler)

Walther war ein großer Geschichtenerzähler und so möchten wir hier mit einer Sufi-Geschichte enden, die er gerne als Beispiel genommen hat für das, worum es bei einer nachhaltigen Genesung eigentlich geht.

„Es war einmal, dass der Mullah einen erfolgreichen Weg fand, seine Lebensgrundlage zu bestreiten: nämlich durch Schmuggel. Jede Woche überschritt er einmal die Grenze zwischen Persien und Griechenland mit zwei Eseln, beladen mit jeweils einem großen Ballen Stroh. Jedesmal, wenn er die Grenze überschritt, durchsuchten die Zollbeamten ihn und die Last der Esel – fanden jedoch nur Stroh. Der Mullah wurde allerdings reicher und reicher, was jeder wusste. Und Woche für Woche versuchten die Zollbeamten verzweifelter etwas zu finden, aber alles war umsonst – sie fanden nichts. Viele Jahre danach zog sich der Mullah in den Ruhestand nach Ägypten zurück. Ein ehemaliger Zollbeamter besuchte ihn dort und stellte die Frage: „Mein lieber Mullah, wir wussten genau, dass Du auf deinen Reisen zwischen Persien und Griechenland irgendetwas geschmuggelt hast, während all dieser Jahre. Jetzt, wo du in Sicherheit bist und außerhalb der Gefahrenzone, kannst Du mir nicht sagen, was du die ganze Zeit geschmuggelt hast?“ „Ja, mein Freund“, sagte der Mullah, „Jetzt, wo du genauso frei und befreit bist von deiner Verantwortung, kann ich dir sagen, dass ich Esel geschmuggelt habe!“

Walther kommentiert diese Geschichte in dem Sinne, dass es dem Sufi um die Wandlung der Person geht, die zu ihm kommt. Dies bedeutet, die Unterweisung für die Seele in einen Menschen hineinzuschmuggeln, während das Bewusstsein in die andere Richtung schaut.

Walther war ein großherziger Lehrer, Mentor und Begleiter für alle, die das Glück hatten, von ihm lernen zu dürfen. Mit großer Dankbarkeit und Zuneigung bleiben wir ihm auch über den Tod hinaus verbunden.

Jeff und Julia Gordon

Die Zitate stammen aus: „Von mir aus nennt es Wahnsinn“ (Dr.Lechler/J.Lair) und
„Wach auf und Lebe!“ (Dr.Lechler/A.Meier)

Die Beerdigung fand im engsten Familienkreis statt.



Keine Halme mehr, kein Blatt.

Keine Halme mehr, kein Blatt.
Feuchtigkeit und Dunst vom Teiche.
Berge blau, das Sonnenrad.
Lautloses Hinab der Speichen.

Aufgeweichter Feldweg. Er
hat geträumt und folgt den Träumen:
Nicht mehr lange, lang nicht mehr
wird der Graukopf Winter säumen.

Gestern, ach, mir klang der Busch,
sah ich, da die Nebel glitten:
Mond, das Füllen, Mond der Fuchs,
spannte sich vor unsern Schlitten.

Sergej Jessemin aus dem Russischen von Paul Celan

Schale der Liebe

Wenn Du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter.
Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen, und habe nicht den Wunsch freigiebiger zu sein als Gott. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See.
Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen und dann ausgießen. Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen.
Ich möchte nicht reich werden,
wenn du dabei leer wirst.
Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst,
wem bist du dann gut?
Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle;
wenn nicht, schone dich.

Bernhard von Clairvaux


Old Chinese Verse

Go in search of your people:
Love Them;
Learn from Them;
Plan with Them;
Serve Them.

Begin with what They have;
Build on what They know.
But of the best leaders
when their task is accomplished,
their work is done,
The people all remark:

“We have done it ourselves.”


Aus der Erlösung des Alltags wächst der All-Tag der Erlösung.“ Eine
Illustration zu diesem Satz liefert die Geschichte eines chassidischen
Wunderrabbis, der von einem Mann erzählte, der sein Leben lang alle
Gesetze peinlichst genau, aber ohne Inbrunst, erfüllte, und der nach
seinem Tode, als er vors Paradies kam, dort zwar eingelassen wurde,
aber das Paradies nicht als Paradies erkannte: „Weil er in der Welt
keine Wonne gefühlt hatte“, so der Rabbi, „fühlte er auch die Wonne
des Paradieses nicht.“

Aus dem Chassidismus


Wenn im Unendlichen dasselbe
sich wiederholend ewig fließt,
das tausendfältige Gewölbe
sich kräftig ineinander schließt,
strömt Lebenslust aus allen Dingen,
dem kleinsten wie dem größten Stern,
und alles Drängen, alles Ringen
ist ewige Ruh in Gott dem Herrn.

J.W. Goethe


Zwei Mönche lasen in einem uralten Buch, am Ende der Welt gebe es einen Ort, an dem der Himmel die Erde auf geheimnisvolle Weise berühre. Da beschlossen sie diesen Ort zu suchen. Sie durchpilgerten die ganze Welt, von Westen nach Osten, von Norden nach Süden, immer weiter wandernd. Unzählige Gefahren drohten ihnen in den Bergen und Wäldern. Viele Menschen versuchten sie von ihrem Plan abzubringen. Aber die beiden Mönche wehrten ab – immer ihr Ziel vor Augen: der Ort, wo der Himmel die Erde berührt!
Eine Türe sei dort, so hatten sie in dem alten Buch gelesen. Man brauche nur anzuklopfen und befinde sich dann direkt bei Gott.
Schließlich fanden sie die Tür. Bangen Herzens sahen sie einander an, als sie die Tür öffneten. Als sie eintraten und die Augen erhoben – fand sich jeder der beiden Mönche in seiner eigenen Klosterzelle wieder.


Was die Menschen Glück und Unglück nennen, ist nur der rohe Stoff dazu; am Menschen liegt`s, wozu er ihn formt. Nicht der Himmel bringt das Glück; der Mensch bereitet sich sein Glück und spannt seinen Himmel selber in der eigenen Brust. Der Mensch soll nicht sorgen, dass er in den Himmel, sondern dass der Himmel in ihn komme. Wer ihn nicht in sich selber trägt, der sucht ihn vergebens im All.

Otto Ludwig


Du sehnst dich, weit hinaus zu wandern,
bereitest dich zu raschen Flug;
dir selbst sei treu und treu den andern,
dann ist die Enge weit genug.

J.W. v. Goethe


Herbsttag an einem fremden Ort

Erinnerung an
die vielen
vergangenen Sommer.
Ahnung vieler Frühjahre
und des Endes
der Zeit.

Ich bin in der Fremde zuhause:
sie gibt mich
mir selbst zurück.

Godehard Stadtmüller


Zum neuen Jahr

Zwischen dem Alten
Zwischen dem Neuen,
Hier uns zu freuen
Schenkt uns das Glück,
Und das Vergangne
Heißt mit Vertrauen
Vorwärts zu schauen,
Schauen zurück.

Stunden der Plage,
Leider, sie scheiden
Treue von Leiden,
Liebe von Lust;
Bessere Tage
Sammeln uns wieder,
Heitere Lieder
Stärken die Brust.

Leiden und Freuden,
Jener verschwundnen,
Sind die Verbundnen
Fröhlich gedenk.
O des Geschickes
Seltsamer Windung!
Alte Verbindung,
Neues Geschenk!

Dankt es dem regen,
Wogenden Glücke,
Dankt dem Geschicke
Männiglich Gut;
Freut euch des Wechsels
Heiterer Triebe,
Offener Liebe,
Heimlicher Glut!

Andere schauen
Deckende Falten
Über dem Alten
Traurig und scheu;
Aber uns leuchtet
Freundliche Treue;
Sehet, das Neue
Findet uns neu.

So wie im Tanze
Bald sich verschwindet,
Wieder sich findet
Liebendes Paar,
So durch des Lebens
Wirrende Beugung
Führe die Neigung
Uns in das Jahr.

Johann Wolfgang von Goethe


Das Kind

mir war als sei ich ein anderer
eben anders als die anderen
als anderer zu leben schien mir moeglich
in dem Raum zwischen den Tueren
wo mich keiner kennt
und mich beim Namen nennt

mir war als sei ich ein anderer
ein anderer als sie meinten
als anderer war ich mir fremd
und hatte geheime Gedanken
ich sagte, den kenne ich nicht
als sie mich fragten

mir war als sei ich ein anderer
ich verwandelte mich in einen Schatten
mit der der zeit wurde ich groß
doch den Schatten nicht los
ich trat hinaus in die Welt
die mich bis heute gefangen haelt

mir war als sei ich ein anderer
in meinem Windschatten lief ich davon
ich brauchte nichts
den Brauchen war gefaehrlich
ich war der kleine Bub
der sich im Wald verlaufen tut

Jürgen Funke


Der Geist des Menschen und der Gang der Welt ist sich unter allen Umständen und zu allen Zeiten so gleich, daß selten ein Wahres ganz neu und selten ein Neues ganz wahr sein wird.

Franz Grillparzer


Herbsttag

Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten reif zu sein
gib Ihnen noch zwei südlichere Tage
dräng sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr
wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird lesen, wachen, lange Briefe schreiben
und wird auf den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke


Du musst das Leben nicht verstehen

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Rainer Maria Rilke, 8.1.1898, Berlin-Wilmersdorf


Der römische Brunnen

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
er voll der Marmorschale Rund,
die, sich verschleiernd, überfließt
in einer zweiten Schale Grund;
die zweite gibt, sie wird zu reich,
der dritten wallend ihre Flut,
und jede nimmt und gibt zugleich
und strömt und ruht.

Conrad Ferdinand Meyer


Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke


Die Amseln haben Sonne getrunken,
aus allen Gärten strahlen die Lieder,
in allen Herzen nisten die Amseln,
und alle Herzen werden zu Gärten
und blühen wieder.

Nun wachsen der Erde die großen Flügel
und allen Träumen neues Gefieder,
alle Menschen werden wie Vögel
und bauen Nester im Blauen.

Nun sprechen die Bäume in grünem Gedränge
und rauschen Gesänge zur hohen Sonne,
in allen Seelen badet die Sonne,
alle Wasser stehen in Flammen,
Frühling bringt Wasser und Feuer liebend zusammen.

Max Dauthendey


Ein Schüler fragt den Meister:
Kann ich irgendetwas tun, um erleuchtet zu werden?
Genauso wenig, wie du dazu beitragen kannst,
dass die Sonne aufgeht.
Was nützen dann die geistlichen Übungen,
die ihr verschreibt?
Um sicher zu gehen, dass du nicht schläfst,
wenn die Sonne aufgeht.


Buch des Lebens

Haß als minus und vergebens
Wird vom Leben abgeschrieben.
Positiv im Buch des Lebens
Steht verzeichnet nur das Lieben.
Ob ein Minus oder Plus
Uns verblieben, zeigt der Schluß.

Wilhelm Busch


as long as we have eyes to see
and lips to sing and kiss
who cares if some oneeyed son of a bitch
invented an instrument
that you can measure spring with


Dein Ringen um und mit Dämonen
rührt mich.
Sind es nicht meine?

Dein Schmerz um das verlor’ne Glück
schmerzt mich.
Es ist wie meins.

Deine Wut auf alte Fesseln
macht mich schreien,
denn die kenn’ ich gut.

Deine Arme tragen mich
durch meine Angst
und ich finde meine Stärke,
sodass langsam mir mein Kind
meine Liebe glaubt: Ich lasse Dich
nie mehr allein, nie mehr.

Und so strahlen wir uns an,
nehmen uns an und auf und mit
- ich bin wie du -
und gießen uns’re Blumen:
Alltag, komm!

Reinhard


Aktenstöße nachts verschlingen, schwatzen nach der Welt Gebrauch
Und das große Tretrad schwingen, wie ein Ochs, das kann ich auch.
Aber glauben, dass der Plunder eben nicht der Plunder wär,
Sondern ein hochwichtig Wunder, das gelang mir nimmermehr.
Aber andre überwitzen, dass ich mit dem Federkiel
Könnt den morschen Weltbau stützen, schien mir immer Narrenspiel.

Joseph von Eichendorff


das gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht

“still sitzend,
nichts tuend,
kommt der frühling
und das gras
wächst von allein” (zen)

ganz herzliche ostergruesse an alle,
von der silvester-kerstin, April 2010


Die Perle

Eine Auster sagte zu ihrer Nachbarin:
Ich spüre einen großen Schmerz in meinem Innern.
Er ist schwer und rund und plagt mich sehr.”
Die andere Auster erwiderte darauf selbstgefällig:
“Dank dem Himmel und dem Meer,
dass ich in mir gar keinen Schmerz verspüre.
Ich fühl’ mich wohl und ganz,
im Innern wie im Außen.”

Derweil kam ein Krebs vorbei und
hörte die Unterhaltung der beiden Austern.
Zu der, welche sich rühmte,
im Innern wie im Außen wohl und ganz zu sein, sagte er:
“ Ja, Dir geht es gut und -Du bist wohl und ganz.
Aber wisse: der Schmerz, den Deine Nachbarin erträgt,
rührt von einer Perle her, die außerordentlich schön ist.“

Khalil Gibran, “Der Wanderer”


Sprung in der Schüssel
Es war einmal eine alte chinesische Frau, die zwei große Schüsseln hatte, die von den Enden einer Stange hingen, die sie über ihren Schultern trug. Eine der Schüsseln hatte einen Sprung, während die andere makellos war und stets eine volle Portion Wasser fasste. Am Ende der Wanderung vom Fluss zum Haus der alten Frau war die andere jedoch immer nur noch halb voll.
Zwei Jahre lang geschah dies täglich: die alte Frau brachte immer anderthalb Schüsseln Wasser mit nach Hause. Die makellose war natürlich sehr stolz auf ihre Leistung, aber die arme Schüssel mit dem Sprung schämte sich wegen ihres Makels und war betrübt, dass sie nur die Hälfte dessen verrichten konnte, wofür sie gemacht war. Nach zwei Jahren, die ihr wie ein endloses Versagen vorkamen, sagte die gesprungene Schüssel zu der alten Frau:“Ich schäme mich so wegen meines Sprungs, aus dem den ganzen Weg zu deinem Haus immer Wasser läuft.” Die alte Frau lächelte. “Ist dir aufgefallen, dass auf deiner Seite des Weges Blumen blühen, aber auf der Seite der anderen Schüssel nicht? Ich habe auf deiner Seite des Pfades Blumensamen gesät, weil ich mir deines Fehlers bewusst war. Nun gießt du sie jeden Tag, wenn wir nach Hause laufen. Zwei Jahre lang konnte ich diese wunderschönen Blumen pflücken und den Tisch damit schmücken. Wenn du nicht genau so wärst, wie du bist, würde diese Schönheit nicht existieren und unser Haus beehren.”


Ein älterer Mann von den Cherokee-Ureinwohnern Amerikas belehrte seine Enkelkinder über das Leben. Er sagte zu ihnen: »Ein Kampf findet in meinem Inneren statt. Es ist ein fürchterlicher Kampf. Da kämpfen zwei Wölfe miteinander. Ein Wolf repräsentiert Furcht, Ärger, Neid, Sorgen, Bedauern, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Schuld, Vorurteile, Minderwertigkeit, Lügen, Stolz und Überheblichkeit. Der andere Wolf steht für Freude, Frieden, Liebe, Hoffnung, Anteilnahme, Gelassenheit, Menschlichkeit, Freundlichkeit, Wohlwollen, Freundschaft, Einfühlungsvermögen, Großzügigkeit, Wahrheit, Mitgefühl und Vertrauen. Derselbe Kampf findet auch in dir und in allen anderen Menschen statt.« Die Kinder dachten darüber nach. Dann fragte eines von ihnen den Großvater: »Und welcher Wolf wird gewinnen?« Der alte Cherokee antwortete: »Es wird der gewinnen, den ich füttere.«


A new young monk arrives at the monastery.
He is assigned to help the other monks in copying the old canons and laws of the church by hand.
He notices, however, that all of the monks are copying from copies, not from the original manuscript.
So, the new monk goes to the abbot to question this, pointing out that if someone made even a small error in the first copy, it would never be picked up.
In fact, that error would be continued in all of the subsequent copies.
The head monk says, “We have been copying from the copies for centuries, but you make a good point, my son”.
So, he goes down into the dark caves underneath the monastery where the original manuscript is held in a locked vault that hasn’t been opened for hundreds of years.
Hours go by and nobody sees the old abbot.
So, the young monk gets worried and goes downstairs to look for him.
He sees him banging his head against the wall.
His forehead is all bloody and bruised and he is crying uncontrollably.
The young monk asks the old abbot, “What’s wrong, father?”
With a choking voice, the old abbot replies, “The word is celebrate not celebate.”


Wenn ich mich zeige, so wie ich bin, wenn ich dich sehe, so wie du bist,
passen wir vielleicht gar nicht zusammen, so wie wir sind,” sagt der Zweifel.
“Nur wenn ich dich nehme, so wie du bist, nur wenn ich mich gebe,
so wie ich bin, können wir uns nahe sein, so wie wir sind”, sagt die Liebe. (Jochen Mariss)


Offene Herzen, fließend verbunden
sprechen ihre Geschichten
jedes ihre eigene
schreien im Gehaltensein ihren Schmerz in die Welt
tiefe Wunden öffnen ihre Türen
bebende Körper
verletzte Seelen
wütende Stürme verlassen uns
Stille breitet sich aus
gehalten von schützenden Händen
gezeichnet vom Leben
wärmend und liebevoll

Ein Gedicht von Sina, W S Juni 07


Achte auf Deine Gedanken,
denn sie werden Worte

Achte auf Deine Worte,
Denn sie werden Handlungen

Achte auf Deine Handlungen,
Denn sie werden Gewohnheiten

Achte auf Deine Gewohnheiten,
denn sie werden Dein Charakter

Achte auf deinen Charakter,
Denn er ist Dein Schicksal.

Aus dem Talmud


Zu Hause

Dort, wo meine Wahrheit wohnt, wo sein darf, was ist,
Lebendigkeit lebt,
wo Grenzen gesetzt,
respektvoll geachtet,
Gefühle betrachtet,
gehört und gesehen,
Menschen eigene Wege gehen,
i h r e Inhalte leben,
nichts auf Gerede anderer geben,
dort, wo man die Wahrheit sagt,
Menschen, wie sie sind, schätzt und achtet,
sie mit Liebe betrachtet,
ihnen Freiraum schenkt
und sich nicht an sie hängt,
sie nicht benutzt und manipuliert,
um eigenen Zwecken zu dienen
oder sich besser zu fühlen,
um die eigene Leere
mit fremdem Inhalt zu füllen,
oder verborgenen Gefühlen zu entrinnen,
sie einfach lässt und unterstützt
ohne dass es einem nützt,
dort, wo man nicht ist gezwungen,
sich Schaden zuzufügen und immer hat gerungen,
andere zu schützen, um aufrechtzuerhalten ihr Bild
der heilen Welt und Harmonie,
die doch hat existiert gar nie,
dort, wo die Vergangenheit ruht,
und man kann neue Wege bestreiten,
statt auf alten Mustern herumzureiten,
dort, wo man kann innere Schätze heben,
nicht muss in Status und Labels leben,
dort, wo man kann aus sich selbst heraus schaffen
und muss sich nicht machen zum Affen
für Umsatzzahlen, Profit und Gier,
sondern kann leben im Jetzt und Hier,
dort, wo ich kann sein,
da bin ich daheim!

Birgit I. Münch M.A.
am 04.07.05


Wussten Sie schon

Wussten Sie schon, dass die Nähe eines Menschen gesund machen, krank machen, tot und lebendig machen kann?
Wussten Sie schon, dass das Wegbleiben eines Menschen sterben lassen kann, dass das Kommen eines Menschen wieder leben lässt?
Wussten Sie schon, dass die Stimme eines Menschen einen anderen Menschen wieder aufhorchen lässt, der für alles taub war?
Wussten Sie schon, dass das Wort oder das Tun eines Menschen wieder sehend machen kann – einen – der für alles blind war, der nichts mehr sah,
der keinen Sinn mehr sah in dieser Welt und in seinem Leben?
Wussten Sie schon, dass das Zeithaben für einen Menschen mehr ist als Geld, mehr als Medikamente -unter Umständen mehr als eine geniale Operation?
Wussten Sie schon, dass das Anhören eines Menschen Wunder wirkt, dass das Wohlwollen Zinsen trägt, dass ein Vorschuss an Vertrauen hundertfach auf uns zurückkommt?
WUSSTEN SIE SCHON,
DASS TUN MEHR IST ALS REDEN?
WUSSTEN SIE DAS ALLES SCHON?

Wilhelm Willms


Die Einladung

Es ist nicht wichtig für mich, wie du dein Leben gestaltest.
Ich möchte wissen, woran du mit Schmerzen arbeitest
Und ob du zu träumen wagst, das Ziel der Sehnsucht deines Herzens zu erreichen.

Es ist nicht wichtig für mich, wie alt du bist.
Ich möchte wissen, ob du das Zentrum deiner eigenen Sorgen berührt hast,
ob du offen geblieben bist – trotz der Erfahrungen des Verrats des Lebens -
oder geschrumpft und verschlossen aus Angst vor künftigen Schmerzen.

Ich möchte wissen, ob du Schmerz aushalten kannst – meinen oder deinen eigenen -
Ohne die Regung zum Verstecken, Abschwächen oder zur schnellen Lösung.

Ich möchte wissen, ob du die Freude aushalten kannst
meine oder deine eigene – ob du verrückt und wild tanzen kannst und
die Erregung bis in die Finger- und Zehenspitzen fühlen kannst,
ohne uns zu warnen zur Vorsicht,zur Vernunft oder zu mahnen an die Grenzen des Normalen.

Es ist nicht wichtig für mich, ob deine Erzählung gerade wahr ist.
Ich möchte wissen, ob du es wagst, einen anderen zu enttäuschen,
um vor dir selbst ehrlich zu bleiben.

Ich möchte wissen, ob du das Schöne sehen kannst auch an Tagen, an denen es nicht gut läuft
Und ob dein Leben immer neu der Quelle der Gegenwart Gottes entspringt.

Ich möchte wissen, ob du mit Versagen leben kannst – meinem und deinem eigenen
Und noch am Uferrand eines Sees stehen kannst und
Dem silbernen Vollmond zurufen: JA!

Es ist nicht wichtig für mich, wo du lebst und wie viel Geld du hast.
Ich möchte wissen, ob du nach einer Nacht voller Kummer und Verzweiflung,
traurig und mit zerschlagenen Gliedern aufstehen kannst und tun, was getan werden muss.

Es ist nicht wichtig für mich, wer du bist und wie du hierher gekommen bist.
Ich möchte wissen, ob du mit mir im Brennpunkt stehen bleibst und nicht zurückschreckst.

Es ist nicht wichtig für mich, wo oder was und mit wem du studiert hast.
Ich möchte wissen, was dich innerlich nährt und erhält, wenn alles andere wegfällt.

Ich möchte wissen, ob du mit dir selbst allein sein kannst
Und ob du wirklich die Gemeinschaft magst, die du hast
In den sinnentleerten Zeiten des Lebens …….
Oriah Mountain Dreamer – Indianischer Ältester
(frei übersetzt von Gisel Krüger)


Eines Tages bat eine Lehrerin ihre Schüler, die Namen aller anderen Schüler in der Klasse auf ein Blatt Papier zu schreiben und ein wenig Platz neben den Namen zu lassen. Dann sagte sie zu den Schülern, sie sollten überlegen, was das Netteste ist, das sie über jeden ihrer Klassenkameraden sagen können und das sollten sie neben die Namen schreiben. Es dauerte die ganze Stunde, bis jeder fertig war und bevor sie den Klassenraum verließen, gaben sie ihre Blätter der Lehrerin. Am Wochenende schrieb die Lehrerin jeden Schülernamen auf ein Blatt Papier und daneben die Liste der netten Bemerkungen, die ihre Mitschüler über den einzelnen aufgeschrieben hatten.

Am Montag gab sie jedem Schüler seine oder ihre Liste. Schon nach kurzer Zeit lächelten alle. “Wirklich?” hörte man flüstern. “I wusste gar nicht, dass ich irgend jemandem was bedeute!” und “Ich wusste nicht, dass mich andere so mögen” waren die Kommentare. Niemand erwähnte danach die Listen wieder. Die Lehrerin wusste nicht, ob die Schüler sie untereinander oder mit ihren Eltern diskutiert hatten, aber das machte nichts aus. Die Übung hatte ihren Zweck erfüllt. Die Schüler waren glücklich mit sich und mit den anderen.

Einige Jahre später war einer der Schüler in Vietnam gefallen und die Lehrerin ging zum Begräbnis dieses Schülers. Sie hatte noch nie einen Soldaten in einem Sarg gesehen – er sah so stolz aus, so erwachsen. Die Kirche war überfüllt mit vielen Freunden. Einer nach dem anderen, der den jungen Mann geliebt hatte, ging am Sarg vorbei und erteilte ihm die letzte Ehre. Die Lehrerin ging als letzte und betete vor dem Sarg. Als sie dort stand, sagte einer der Soldaten, die den Sarg trugen zu ihr: “Waren Sie Mark’s Mathe-Lehrerin?” Sie nickte: “Ja”. Dann sagte er: “Mark hat sehr oft von Ihnen gesprochen.”

Nach dem Begräbnis waren die meisten von Mark’s früheren Schulfreunden versammelt. Mark’s Eltern waren auch da und sie warteten offenbar sehnsüchtig darauf, mit der Lehrerin zu sprechen. “Wir wollen Ihnen etwas zeigen”, sagte der Vater und zog eine Geldbörse aus seiner Tasche. “Das wurde gefunden, als Mark gefallen ist. Wir dachten, Sie würden es erkennen.”

Aus der Geldbörse zog er ein stark abgenutztes Blatt, das Offensichtlich zusammengeklebt, viele Male gefaltet und auseinandergefaltet worden war. Die Lehrerin wusste ohne hinzusehen, dass dies eines der Blätter war, auf denen die netten Dinge standen, die seine Klassenkameraden über Mark geschrieben hatten. “Wir möchten Ihnen so sehr dafür danken, dass Sie das gemacht haben” sagte Mark’s Mutter. “Wie Sie sehen können, hat Mark das sehr geschätzt.”

Alle früheren Schüler versammelten sich um die Lehrerin. Charlie lächelte ein bisschen und sagte, “Ich habe meine Liste auch noch. Sie ist in der obersten Lade in meinem Schreibtisch”. Chuck’s Frau sagte, “Chuck bat mich, die Liste in unser Hochzeitsalbum zu kleben.” “Ich habe meine auch noch” sagte Marilyn. “Sie ist in meinem Tagebuch.” Dann griff Vicki, eine andere Mitschülerin, in ihren Taschenkalender und zeigte ihre abgegriffene und ausgefranste Liste den anderen. “Ich trage sie immer bei mir”, sagte Vicki und meinte dann ohne mit der Wimper zu zucken: “Ich glaube, wir haben alle die Listen aufbewahrt.” Die Lehrerin war so gerührt, dass sie sich setzen musste und weinte. Sie weinte um Mark und für alle seine Freunde, die ihn nie mehr sehen würden.

Im Zusammenleben mit unseren Mitmenschen vergessen wir oft, dass jedes Leben eines Tages endet. Und dass wir nicht wissen, wann dieser Tag sein wird. Deshalb sollte man den Menschen, die man liebt und um die man sich sorgt, sagen, dass sie etwas Besonderes und Wichtiges sind. Sag es ihnen, bevor es zu spät ist.

Du kannst dies auch tun, indem du diesen Text weitergibst. Wenn du diese Geschichte bekommen hast, dann deshalb, weil sich jemand um dich sorgt. Und es bedeutet, dass es zumindest einen Menschen gibt, dem du etwas bedeutest. Denk daran, du erntest, was du säst. Was man in das Leben der anderen einbringt, kommt auch ins eigene Leben zurück.

Gisela Krüger

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Wir sind hier,
weil es letztlich kein entrinnen vor uns selbst gibt.
Solange der Mensch sich nicht
selbst in den Augen und Herzen
seiner Mitmenschen begegnet,
ist er auf der Flucht.
Solange er nicht zulässt, dass seine Mitmenschen
an seinem Innersten teilhaben,
gibt es für ihn keine Geborgenheit.
Solange er fürchtet, durchschaut zu werden,
kann er weder sich selbst noch andere erkennen-
er wird allein sein.
Wo können wir solch einen Spiegel finden,
wenn nicht in unserem Nächsten.
In der Gemeinschaft kann ein Mensch
erst richtig klar über sich werden
und sich nicht mehr als den Riesen seiner Träume
oder den Zwerg seiner Ängste sehen,
sondern als Mensch, der Teil eines Ganzen
zu ihrem Wohl seinen Beitrag leistet.
In solchem Boden können wir Wurzeln schlagen
und wachsen.
Nicht mehr allein – wie im Tod – sondern lebendig
als Mensch unter Menschen.


Gestern – Heute – Morgen

Es gibt in jeder Woche zwei Tage, über die wir uns keine Sorgen machen sollten. Zwei Tage, die wir freihalten sollten von Angst und Bedrückung.

Einer dieser zwei Tage ist gestern mit all seinen Fehlern und Sorgen, geistigen und körperlichen Schmerzen. Das Gestern ist nicht mehr unter unserer Kontrolle! Alles Geld dieser Welt kann das Gestern nicht zurückbringen; wir können keine einzige Tat, die wir getan haben, ungeschehen machen. Wir können nicht ein Wort zurücknehmen, das wir gesagt haben. Das Gestern ist vorbei!

Der andere Tag, über den wir uns keine Sorgen machen sollten, ist das Morgen mit seinen möglichen Gefahren, Lasten, großen Versprechungen und weniger guten Leistungen. Auch das Morgen haben wir nicht unter unserer sofortigen Kontrolle.

Morgen wird die Sonne aufgehen, entweder in ihrem vollen Glanz oder hinter einer Wolkenwand. Aber eins steht fest: Sie w i r d aufgehen! Bis sie aufgeht, sollten wir uns nicht über morgen Sorgen machen, weil morgen noch nicht geborgen ist.

Da bleibt nur ein Tag übrig: heute!

Jeder Mensch kann nur die Schlacht von einem Tag schlagen. Daß wir zusammenbrechen, geschieht nur, wenn Du und ich die Last dieser zwei fürchterlichen Ewigkeiten – gestern und morgen – zusammenfügen. Es ist nicht die Erfahrung von heute, die die Menschen verrückt macht; es ist die Reue und Verbitterung für etwas, was gestern geschehen ist, oder die Furcht vor dem, was das Morgen wieder bringen wird.

HEUTE ist das MORGEN, worüber wir uns GESTERN Sorgen gemacht haben.

Iris


Angst macht Mut

Wer die Angst nicht kennt
ist auch nicht mutig
Schlimm ist nur die Angst
vor der Angst

die Angst will dir helfen
will dir wichtiges sagen
sie weiß
es wird Zeit
etwas zu tun

hab Vertrauen zu deiner Angst
und stell dich
dem wachsenden Mut nicht entgegen
er wird stark sein
zur richtigen Zeit

Mut
kennt die Angst

Andrea Schwarz


BAUM

Alter Junge, Traum, Begleiter,
Vater, Freund und Wegbereiter,

Klug bist Du, wirklich und beständig,
Formvollendet – farbenfroh – lebendig.

So unbeweglich stark – und weich im Tanz
Aus tausend Fetzen machst Du meine Seele ganz.

Wenn ich Dich sehe, wird mein irres Sehnen still
Und hab ich mich verloren, find ich Dich, weil ich mich will.

Kennst menschendumme Einsamkeit
Holst mich heim in Deinem Kleid,

Das weich ist, wild und jung und zart,
Dein Kern ist Zauber – Deine Schale hart.

Verlass mich nie, denn ohne Dich bin ich verloren
Und hab ich keine Eltern mehr, so bin ich nah bei Dir geboren.

Alter Junge, Wegbegleiter, Traum,
Treuer Freund, liebster Baum.

© sonja schmidt, 2004


Vollkommenheit ist schon da, wenn das Notwendige geleistet wird, Schönheit, wenn das Notwendige geleistet, doch verborgen ist.

Johann W. von Goethe


Die wirklich wichtigen Dinge im Leben:

Ein Philosophieprofessor stand vor seinen Studenten und hatte ein paar Dinge vor sich liegen. Als der Unterricht begann nahm er ein großes leeres Mayonnaiseglas und füllte es bis zum Rand mit großen Steinen. Anschließend fragte er seine Studenten, ob das Glas voll sei.

Sie stimmten ihm zu.

Der Professor nahm eine Schachtel mit Kieselsteinen und schüttete sie in das Glas und schüttelte es leicht. Die Kieselsteine rollten natürlich in die Zwischenräume der größeren Steine. Dann fragte er seine Studenten erneut, ob das Glas jetzt voll sei.

Sie stimmten wieder zu und lachten.

Der Professor seinerseits nahm eine Schachtel mit Sand und schüttete ihn in das Glas. Natürlich füllte der Sand die letzten Zwischenräume im Glas aus. ,,Nun”, sagte der Professor zu seinen Studenten: ,,Ich möchte, dass Sie erkennen, dass dieses Glas wie ihr Leben ist!

Die Steine sind die wichtigen Dinge im Leben: Menschen die Sie mögen, Ihre Träume, Ihre Gesundheit, Ihre Kinder – Dinge, die, wenn alles andere wegfiele und nur sie übrig blieben, – ihr Leben immer noch erfüllen würden.

Die Kieselsteine sind andere, weniger wichtige Dinge, wie z.B. Ihre Arbeit, Ihre Wohnung, Ihr Haus oder Ihr Auto.

Der Sand symbolisiert die ganz kleinen Dinge im Leben. Problemchen, Dingen die einen ärgern, o.ä. Wenn Sie den Sand zuerst in das Glas füllen, bleibt kein Raum für die Kieselsteine oder die großen Steine. So ist es auch in Ihrem Leben: Wenn Sie all ihre Energie für die kleinen Dinge in ihrem Leben aufwenden, haben Sie für die großen keine mehr.

Achten Sie daher auf die wichtigen Dinge, nehmen Sie sich Zeit für die Kieselsteine, achten sie auf Ihre Gesundheit. Es wird noch genug Zeit geben für Arbeit, Haushalt, Partys usw.. Achten Sie zuerst auf die großen Steine – sie sind es, die wirklich zählen. Der Rest ist nur Sand.”


Wer bin ICH?

Ich bin Ich
Ich bin Alles und Nichts
Ich bin der Raum
den ich mir gebe

Der Geist in der Flasche
Das Wasser im Krug
Die Form – Der Geist
Mir dient die Zeit

Ich bin die Wahrheit
Ich bin das Geheimnis
Ich bin die Liebe . . .

August 1985, Karin Sonnenfeld

(in Andenken an Karin, die uns über lange Jahre nah stand, gestorben am 22.05.2003)

Bonding Psychotherapie
seit 1978

Mitglied in der
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